Stellungnahme zum Anhörungsverfahren vom 20.07.2024

IGDB Verkehrsplanung + Beratung
Herrn Peter Castellanos
Im Steingrund 3
63303 Dreieich

Betreff: Nahverkehrsplan Landkreis Konstanz – Anhörungsverfahren nach § 8 Abs. 3 PBefG und § 12 Abs. 1 ÖPNVG, Ihre E-Mail vom 24.06.2024

Sehr geehrter Herr Castellanos,
nachfolgend erhalten Sie die Stellungnahme des Kreisseniorenrates Konstanz zum Anhörungsverfahren für einen neuen Nahverkehrsplan für den Landkreis Konstanz. Die Mitglieder des Kreisseniorenrates Konstanz haben zu der Bestandsanalyse und der Angebotskonzeption im öffentlichen Busnahverkehr des Landkreises Anregungen gesammelt und bringen Vorschläge für Verbesserungen ein.
Über alle Maßnahmen hinweg sollte der demografische Wandel berücksichtigt werden. Die Zahl der älteren und hochaltrigen Menschen im Landkreis steigt an. Mehr Menschen mit Einschränkungen sind auf den ÖPNV angewiesen. Wir erhalten In Gesprächen mit den Senioren häufig den Hinweis, dass die Entfernungen zu Haltestellen zu weit sind. Außerdem sind noch immer viele Haltestellen für Menschen, die schlecht zu Fuß sind, ein Hindernis. Bei Automaten und digitalen Anwendungen erhalten wir die Rückmeldung, dass die Bedienung kompliziert sei.
Für Menschen, die mit der Deutschen Sprache nicht vertraut sind, sollten Beschreibungen in einfacher Sprache verfasst werden.

Anmerkung 1
Mit der Umstellung auf den Aufgabenträgerverbund gibt der Landkreis die Rahmenbedingungen vor. Die Städte Engen, Konstanz, Radolfzell und Singen erbringen die Stadt-verkehre in Eigenverantwortung unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen des Nahverkehrsplanes.
Nicht erkennbar sind für uns die Auswirkungen auf deren Verkehrsplanungen und Fahrpläne bei der Taktvereinheitlichung von regionalen Busverbindungen. Eine Aussage hierzu ist uns nicht möglich.

Anregung 2
Die Bestandsanalyse betrachtet vorrangig den Pendlerverkehr von Berufstätigen und Schülern. Auf die Mobilität im innerörtlichen Bereich wird nur wenig eingegangen. Die kommunale Infrastruktur ist vielerorts auf den motorisierten Verkehr ausgerichtet. Einkaufszentren mit einem Vollangebot liegen am Ortsrand und sind selbst für die Menschen im Ort nur mit dem Auto erreichbar. Ärzte und kulturelle Einrichtungen liegen in den benachbarten Zentren.

Die nachfolgend eingefügte Grafik aus der auch von Ihnen zitierten Studie MID 2017 zeigt, dass Personen ab 70 Jahre hauptsächlich Wege für Erledigungen, Einkauf und Freizeit haben und keine Berufspendler mehr sind. Diese Wege erledigen sie nach Ihrer Analyse größtenteils mit dem Auto.

Da sich die Daten der Studie MID auf das Jahr 2017 beziehen, sind die Veränderungen durch die Corona Pandemie nicht erfasst. Homeoffice wird zu einer Veränderung der Verkehrsströme führen. Dass innerörtliche Verbindungen mehr gefragt sind, kann auch an dem Erfolg der 1-Euro-Tickets abgelesen werden. In Hilzingen z.B. wurde das 1-Euro-Ticket vor drei Jahren eingeführt und verzeichnet steigende Fahrgastzahlen.
Um den Umstieg vom Motorisierten Individualverkehr auf den ÖPNV attraktiver zu gestalten, sollte der demografische Wandel stärker berücksichtigt werden. Laut dem Kreisseniorenplan des Landkreises wird der Anteil der Personen im Alter ab 65 Jahren bis 2030 um 23,8 Prozent gegenüber 2021 zunehmen. Der Anteil hochaltriger Menschen über 80 Jahren wird ab 2035 deutlich ansteigen.
Um der größer werdenden Zahl Senioren weiterhin die Teilhabe zu ermöglichen, sollte die Entwicklung alternativer öffentlicher Transportangebote auch im innerörtlichen Bereich vorangebracht werden. Dies auch vor der Diskussion über allgemeine Fahrtauglichkeitsprüfungen, da zu erwarten ist, dass ältere Menschen auf Grund gesundheitlicher Einschränkungen öfter auf den Führerschein verzichten müssen.
Fahrrad, Scooter oder Carsharing sind für diese Personengruppe keine allgemein geeigneten Lösungen.
Ziele des täglichen Bedarfs, wie z.B. Einkaufszentren oder Medizinische Versorgungzentren sollten mit dem Bus besser und ohne lange Fußwege erreichbar sein. Ein Beispiel dafür wäre eine zusätzliche Haltestelle in Güttingen beim Supermarkt.

Anregung 3
Bei Carsharing ist anzumerken, dass die Fahrzeuge unterschiedliche Bedienungen haben, in die man sich als Fahrer unabhängig vom Alter erst einarbeiten muss. Selbst Fahrzeuge desselben Herstellers unterscheiden sich bei der Bedienung. Übersichtliche Beschreibungen der wichtigsten Fahrzeugeinstellungen sollten im Fahrzeug liegen.

Anregung 4
Digitale Anwendungen für die Fahrplanauskunft sollten auf eine einheitliche Datenbasis zurückgreifen und nach dem Schweizer Vorbild für jede gesuchte Verbindung den jeweils günstigsten Fahrpreis anzeigen, inklusive der Sonderangebote für verschiedene Personengruppen.

Anregung 5
In Städten und größeren Gemeinden im Landkreis gibt es seit einiger Zeit erfreulicher-weise das 1-Euro-Ticket, um die jeweiligen Ortsteile anzubinden. Lücken ergeben sich dabei jedoch gemeindeübergreifend, so z.B. von Moos nach Radolfzell,
von Hilzingen nach Singen, von Aach nach Eigeltingen, Engen und Volkertshausen, da für diese recht kurzen Strecken 6 Euro hin und zurück bezahlt werden müssen. Notwendig sind diese Fahrten, da gerade Ärzte, Apotheken, Buchhandlungen, Fachgeschäfte, Restaurants, Kulturangebote und v.a. vor Ort fehlen.
Das stößt auf allgemeines Unverständnis. Der Landkreis Konstanz könnte für diese Strecke ebenfalls die Kostendifferenz zum Normalpreis für die genannte Strecke übernehmen und das 1-Euro-Ticket zulassen.

Anregung 6
Die Gemeinde Mühlingen schlägt eine bessere Anbindung an die Stadt Tuttlingen vor. Dies könnte erreichet werden durch eine Verlängerung der Buslinie 100 ( Stockach – Hecheln) bis zur Haltestelle Krätlemühle ( Schnellbus Stockach – Tuttlingen ).

Anregung 7
Für ältere Fahrgäste aus Gailingen besteht weiterhin nachmittags keine Verbindung ohne Umsteigen, um für Besuche von Angehörigen ins Hegau-Klinikum zu kommen. Die bestehende Busverbindung setzt bis auf ein einmaliges Umsteigen um 16:20 Uhr immer ein zweimaliges Umsteigen voraus. Das ist für ältere Mitbürger, die schlecht zu Fuß sind, sehr beschwerlich. Wünschenswert wäre, die Fahrtnummern 135 oder 139 bis nach Singen zu verlängern, mit einer Haltestelle am Hegau-Klinikum. Bei der Haltestelle Singen Hegau Klinikum sollte ebenso auch nachmittags die Rückfahrt nach Gailingen ohne Umsteigen möglich sein.

Anregung 8
An den Mobilitätsstationen kommen verschiedene Verkehrsmittel zusammen. Wünschenswert ist es, neben Wartungsstationen für Fahrräder auch öffentliche Toiletten bereit zu stellen.

Anregung 9
Bei barrierefreien Zugängen zu Bahnsteigen sollte es neben Aufzügen auch jeweils eine Rampe geben. Aufzüge sind sehr störungsanfällig und stehen dann Reisenden mit Gepäck oder Kinderwagen oder Rollstuhlfahrern nach unserer Beobachtung oft über mehrere Tage nicht zur Verfügung.

Gerne ist der Kreisseniorenrat für Rückfragen zu den genannten Anregungen und Vorschlägen bereit.
Wir würden uns sehr freuen, wenn wir nach den Rückmeldung aus dem Anhörungsverfahren Ihre Ergebnisse erfahren dürften und die Möglichkeit zu einem Gespräch erhalten könnten.
Harry Fuchs
Sprecher des Kreisseniorenrates